Höhere Gewalt

Mein überflutetes Haus in Brooklyn, die Stürme in Kentucky: Wir wissen ja, dass wir unser Leben ändern müssen. Aber wir tun es nicht. Wir haben zu viel Angst VON JONATHAN SAFRAN FOER

In dieser Woche sind verheerende Tornados über amerikanische Staaten hinweggefegt, die insbesondere Kentucky schwer getroffen haben. Mindestens 88 Menschen sind gestorben, und viele Hundert werden noch vermisst. Gemessen an der Zahl der Opfer und dem ökonomischen Schaden, ist es der zerstörerischste Tornado in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Es ist unwahrscheinlich, dass dieser Rekord lange halten wird.

Vor einem Monat wurde mein Haus in Brooklyn zweimal überflutet, beide Male aufgrund historischer Unwetterereignisse: Beim ersten Mal fiel mehr Regen pro Stunde als je zuvor in der Geschichte New Yorks; das zweite Unwetter brach diesen gerade mal eine Woche alten Rekord, und es kam doppelt so viel herunter. »Überflutet« ist eine Untertreibung für das Ausmaß dessen, was geschah. Beide Male lief das Wasser unter Türen hindurch, fand den Weg vorbei an Fensterrahmen und durch feine Risse im Fundament. Aber schlimmer noch, die städtische Kanalisation konnte die Wassermassen nicht aufnehmen und machte dicht – faktisch kehrte sich die Fließrichtung um –, sodass Abwasser durch die Grundleitungen unter dem Keller zurückfloss und aus den Toiletten und den Waschbecken kam. Um hier nichts zu beschönigen: »Abwasser« bedeutet Schmutzwasser. Oder noch deutlicher: Scheiße.

Ich ließ die Böden daraufhin professionell reinigen und desinfizieren. (Abwasser ist nicht nur ekelhaft, sondern auch eine akute Gesundheitsgefahr.) Das Team, das bei mir arbeitete, gehörte zu einer kleinen Armada von Industriereinigern aus Chicago – eine Karawane aus einem halben Dutzend Lkw voll Gerätschaften und Arbeitern, die zwei Wochen lang in der ganzen Stadt verteilt im Einsatz waren und dann ihre Sachen packten und weiterzogen. (E-Auto-Hersteller und die Solarindustrie sind nicht die einzigen Branchen, die vom Klimawandel profitieren.) Dann ließ ich eine andere Firma kommen, die sämtliche Wände und Türen bis auf dreißig Zentimeter Höhe sanierte – so hoch hatte das Wasser gestanden –, damit sich kein Schimmel bildet. (Schimmel ist eine weitere akute Gesundheitsgefahr.) Und eine dritte Firma riss die aufgequollenen Bodendielen und die durchweichte Unterkonstruktion heraus und ersetzte sie durch Fliesen, die Wasser deutlich besser vertragen.

All das war selbstredend mit hohen Kosten verbunden. Als ich mich deshalb an meine Versicherung wandte, sagte man mir, Schäden durch »höhere Gewalt« – also etwas Unvorhergesehenes, auf das der Mensch keinen Einfluss hat – seien nicht abgedeckt. Trotz allem, was wir über den Einfluss des Menschen auf das Wetter wissen, wird ein Hurrikan als höhere Gewalt eingestuft, als wäre er eine Tat Gottes. Die saftige Rechnung würde ich also selbst zahlen müssen.

Natürlich sind die meisten Menschen in meiner Nachbarschaft nicht in einer so glücklichen Lage wie ich und können sich nicht leisten, für all das eine Firma kommen zu lassen. Vielen bleibt nichts anderes übrig, als mit Wischmopps und handelsüblichen Reinigern so gut es geht Ordnung zu schaffen und mit den Gesundheitsgefahren zu leben.

Und natürlich wird es nicht das letzte Mal gewesen sein, dass es in New York City zu Starkregen und Überschwemmungen kommt.

Welche Optionen habe ich also?

Ich könnte einfach akzeptieren, dass es immer wieder Überschwemmungen geben wird, und mich um besseren Versicherungsschutz bemühen – eine Zusatzversicherung gegen Hochwasserschäden. Allein das ist sehr schwer und wird bald ganz unmöglich sein: Meine Verwandten in Kalifornien können sich schon jetzt nicht mehr gegen Waldbrände versichern.

Für 40.000 Dollar kann ich mein Haus schützen. Ohne Garantie

Ich könnte auf die Stadtverwaltung vertrauen und hoffen, dass sie das Mammutprojekt in Angriff nimmt, die gesamte Kanalisation so umzubauen, dass sie den Dimensionen unseres neuen Wetters gewachsen ist. Wenn man bedenkt, was für eine gewaltige Aufgabe das wäre – im Endeffekt müsste man jede einzelne Straße aufreißen und sowohl oberirdisch als auch unterirdisch alles neu machen –, sehe ich das nicht recht kommen. Zumal die Stadt sich gerade von den wirtschaftlichen Einbußen durch Covid erholt und es eine lange Liste nötiger Reparaturarbeiten gibt, die den meisten Bürgern und Politikern sicher dringlicher erscheint.

Oder aber ... ich könnte an der Schnittstelle der städtischen Kanalisation mit dem Abwassersystem meines Hauses ein Absperrventil einbauen lassen, mit einer zusätzlichen Sicherung, die im Fall eines Unwetters dicht macht – mit einer solchen Vorrichtung könnte, zumindest theoretisch, kein Abwasser mehr ins Haus fließen. Das an sich wäre schon ein aufwendiges Unterfangen, für das mein Garten und mein Keller aufgebaggert werden müssten, um in zweieinhalb Meter Tiefe einen Revisionsschacht zu bauen, damit man bei einem Defekt an das Ventil herankäme. Eine Firma hat mir dafür einen Kostenvoranschlag von 40.000 Dollar gemacht, ohne Garantie, dass es tatsächlich funktionieren würde. Ein zweites Angebot habe ich mir gar nicht erst eingeholt, weil ich wusste, dass ich es mir sowieso nicht leisten kann.

Ich kann es nicht oft genug betonen: Nur die wenigsten sind in einer so glückliche Lage wie ich. Was ist mit meinen älteren Nachbarn, die ohnehin nicht mehr bei bester Gesundheit sind und allein von ihrer Rente leben müssen? Welche Möglichkeiten haben sie, um mit dem Klimawandel zurechtzukommen? Was ist mit meinen Nachbarn, die mehrere Jobs haben und, selbst wenn alles funktioniert, gerade so über die Runden kommen? Oder mit denen, die unten am Fuß des Hügels wohnen, wo das Wasser noch schlimmere Schäden anrichtet? Oder mit denen, die noch näher am Wasser leben? Was tun die, die keine Wahl haben?

Die Überflutung, die ich beschrieben habe, ist ein Beispiel für die Auswirkungen des Klimawandels, aber auch eine Metapher. Uns bleiben immer weniger und zunehmend problematische Optionen: Wir können darauf hoffen, dass Regierungen auf bisher beispiellose Weise agieren; wir können uns von unserer Umwelt »abkoppeln« (indem wir kostspielige Umbauten vornehmen oder in weniger gefährliche Klimazonen umziehen), was nur den Reichsten der Reichen möglich sein wird, oder wir können einfach akzeptieren, dass das jetzt die neue Realität ist und uns mehrmals pro Jahr Scheiße ins Haus gespült wird.

Die menschliche Fähigkeit, sich an drastische Veränderungen zu gewöhnen, ist so inspirierend wie deprimierend. Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass wir Bilder von Schulen voller Kinder mit Masken sehen würden, ohne zusammenzuzucken oder in Tränen auszubrechen? Oder dass wir es als normal erachten würden, wenn alle Menschen im Bus auf kleine gläserne Rechtecke in ihrer Hand starren, statt mit der »realen Welt« (oder was wir dafür hielten) zu interagieren? Wenn wir uns an das Diskursabwasser gewöhnen können, das über Social Media täglich zu uns hereinschwappt, können wir uns sicherlich auch an Abwasser in unseren Häusern gewöhnen.

Ist inzwischen nicht klar, dass wir uns für den Klimawandel entschieden haben?

Und wussten wir nicht alle, was passieren wird? Haben wir es nicht seit Jahren kommen sehen? Gehören wir nicht zu den Menschen, die den unwiderlegbaren Erkenntnissen der Wissenschaft Glauben schenken? Kann es sein, dass wir uns in unser Schicksal gefügt haben? Ist inzwischen nicht klar, dass wir uns, ob bewusst oder unbewusst, für den Klimawandel entschieden haben?

Wir wussten es. Aber wir haben es nicht geglaubt. Wir wissen es. Aber wir glauben es nicht. Was in unseren Köpfen angekommen sein mag, findet nicht den Weg in unsere Herzen. Es ist einfach zu verlockend, alles in Zweifel zu ziehen. Wir haben zu viel Angst. Das Ausmaß der Katastrophe ist schlichtweg zu groß, als dass wir es fassen könnten. Ich selbst zum Beispiel, ich glaube es trotz allem oben Beschriebenen noch immer nicht. Ganz offensichtlich bin ich zu dieser Art von Glauben nicht imstande. Wenn ich es wirklich glauben würde, könnte ich nicht in einem so maßvollen Ton schreiben; angesichts einer globalen Katastrophe wäre Hysterie oder wenigstens eine gewisse Alarmstimmung angebracht. Wenn ich es wirklich glauben würde, hätte ich noch eine vierte Option aufgelistet: mein Leben voll und ganz dem Bemühen widmen, Teil der Lösung zu sein.

Stattdessen lerne ich, mit Verlusten zu leben. Genau wie die Bürger von Kentucky, die jetzt ihre Häuser dort wieder aufbauen, wo und wie sie vorher standen – als wären extreme Wetter einfach nur Pech. Mein Herz sagt, es ist eine Tat Gottes. Und genau das ist – mehr noch als der menschengemachte Klimawandel – die eigentliche Tat des Menschen.

Copyright © 2021 Jonathan Safran Foer. Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs

Foto: Patrice Normand/opale/ddp

Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer bei einem Besuch in Paris