»Was ist, wenn ich dieses Nein mit 50 bereue?«

Zwei Freundinnen, 37 Jahre alt, beide kinderlos, hadern mit derselben Frage: Gehört Mutterschaft zu einem erfüllten Leben? Ein Zwiegespräch in Briefen 

Liebe Rafaela

Wenn ich in der Stadt schwangere Frauen oder Mütter mit Kindern sehe, denke ich jetzt häufiger: Wie haben sie es geschafft, sich zu entscheiden? Für ein Kind? Fürs Muttersein?

Auch wir sprechen oft miteinander über die Kinderfrage.

Ich bin 37 Jahre alt. Ich habe einen Job, den ich mag, und einen Mann, den ich liebe. Viele Jahre wusste ich nicht, ob ich Kinder möchte. Ich wusste nur, dass ich es nicht ausschließen will. Und ich hatte Zeit. Jetzt bin ich weder jung noch alt. Vielleicht bin ich im besten Alter für ein Kind.

Wenn ich früher vor Entscheidungen stand, zweifelte ich kaum. Ich trennte mich von Menschen, gab Vorstellungen auf, auch wenn es schmerzte. Nur in der Kinderfrage komme ich nicht weiter. Dieses Hadern beschämt mich. Sollte mir diese Entscheidung nicht leichter fallen? Ich bin doch geübt darin, herauszufinden, was ich möchte: wo ich wohnen, wie ich arbeiten und mit wem ich mein Leben teilen will.

Doch je mehr ich übers Kinderhaben lese und höre, je klarer ich sehe, was das alles mit sich bringen könnte, desto ängstlicher werde ich. In gewisser Weise fürchte ich um mein Leben. Und vielleicht steckt darin schon die Antwort auf die Frage, ob ich Kinder will. Nein? Aber ich traue mir nicht. Was ist, wenn ich dieses Nein mit 50 bereue?

Ich rede mit meinem Freund über diese Zweifel. Aber als Mann ist er in einer anderen Situation. Für ihn ist ein Kind nicht dasselbe Wagnis. Sein Körper wird gleich bleiben. Und auch die Gesellschaft wird gleich auf ihn blicken wie zuvor. Mütter, habe ich das Gefühl, werden von allen beäugt.

Bevor ich mich gemeinsam mit meinem Freund für ein Kind entscheide oder dagegen, muss ich herausfinden, was es für mich als Frau bedeuten würde.

Vielleicht finden du und ich gemeinsam eine Antwort?

Liebe Salome

Letzten Sommer, es war ein Nachmittag im Juli, ploppte eine Erinnerung auf meinem Handy auf, »DEADLINE: Schwangerschaft«. Meine Frist für ein Kind war in diesem Moment abgelaufen. Ich horchte in mich hinein und hoffte auf ein Zeichen – da war nichts.

Ich hatte die Erinnerung sieben Jahre zuvor in meinen Kalender gesetzt. Ich war damals 30 Jahre alt, steckte in einer unglücklichen Beziehung und hatte das dringende Bedürfnis, mein Leben in den Griff zu kriegen. Ich fuhr weg, checkte in einem alten Hotel am Vierwaldstättersee ein und betrank mich erst einmal. Am nächsten Tag setzte ich mich auf die Terrasse und plante mein Leben: eine gute Beziehung bis 32, genug Geld, um jederzeit kündigen zu können, bis 34, eine Altbauwohnung bis 38, Schwangerschaft bis 37. Es war das Ergebnis einer einfachen Rechnung: Wenn mein Kind gleich lange wie ich mit Kindern warten würde, wäre ich mit 76 Jahren Großmutter. Älter schien mir zu alt.

Über die Jahre ploppten immer wieder solche Erinnerungen auf meinem Handy auf. Vieles davon habe ich erreicht. Eine tolle Beziehung, genug Geld, und wie sich der Wohnungsmarkt in Zürich entwickeln würde, konnte ich nicht voraussehen. Nur bei der Kinderfrage kam ich nicht weiter. Jedes Mal, wenn ich mich ernsthaft mit dem Gedanken auseinandersetzte, begann ich angespannt darüber nachzudenken, was ich davor noch alles erledigen müsste. Als wäre eine Schwangerschaft eine tödliche Diagnose.

Ich wäre gerne einmal Großmutter, und ich könnte es mir theoretisch vorstellen, Vater zu werden. Aber Mutter? Die Statistiken sprechen gegen uns. Frauen verdienen in der Schweiz mindestens 60 Prozent weniger nach der Geburt ihres ersten Kindes, nicht nur, weil sie weniger arbeiten. Viele Mütter sind nicht in der Lage, ihr Leben selbstständig zu finanzieren. Warum sollte es bei mir anders sein?

Liebe Rafaela

Du liest Statistiken, ich lese Texte über Schwangerschaft und Elternschaft. Ich lese sie, als wären sie meine persönliche Geburtsvorbereitung, vielleicht sogar: Lebensvorbereitung.

Ich lese über Frauen, die ihr Kind in der Schwangerschaft verlieren. Über Frauen, die ein Kind zur Welt bringen, das Wochen später aufhört zu atmen. Ich lese, dass manche Frauen von der Geburt traumatisiert sind. Ich lese von Dammbrüchen und Saugglocken. Ich lese, dass viele Mütter denken, versagt zu haben, wenn ihr Kind mit einem Kaiserschnitt aus dem Bauch geholt werden muss. Ich lese vom Wochenbett, von Inkontinenz, von schlaflosen Nächten. Ich lese von der plötzlichen Missgunst dem Partner gegenüber, von der Enttäuschung über ihn. Ich lese von der Einsamkeit als Mutter, sobald der Mann nach zwei Wochen Vaterschaftsurlaub wieder arbeiten geht.

Ich lese, wie hoch die Kosten für die Kita sind. In der Schweiz sind sie im internationalen Vergleich besonders hoch. Ein Paar mit zwei Kindern, beide Elternteile arbeiten und verdienen durchschnittlich, muss für die externe Betreuung bis zur Hälfte eines Monatslohns ausgeben. Ein Kind kostet bis zu seinem 20. Geburtstag eine Million.

Ich lese, was Eltern alles falsch machen: Sie sind zu nachgiebig, sie sind zu fordernd, sie sind zu ängstlich, sie loben falsch. Sie setzen das Kind unter Leistungsdruck, sie vererben ihm ihre Traumata. Sie sind häufig krank und gestresst. Und ständig machen sie sich Sorgen.

Ich lese, dass sich immer noch die Mütter hauptsächlich um den Haushalt kümmern, um die Kindergeburtstage, die Arzttermine, die Besuche bei den Verwandten.

Ich lese fast nie etwas darüber, was am Elternsein schön ist. Warum Männer und Frauen gerne ihre Töchter und Söhne großziehen. Warum es sich lohnt, ein Kind zu bekommen.

Vielleicht muss man naiv sein, um Mutter zu werden.

Liebe Salome

Zur weiblichen Erfahrung gehört es, Freundinnen scheitern zu sehen. Plötzlich reduzieren sie doch ihre Pensen, pausieren ihre Karrieren und verschieben ihre Träume. Mir tut das weh. Die Vereinbarkeit entlarvt sich spätestens ab dem zweiten Kind als Lüge. Wenige Paare schaffen es, sich die Betreuungsarbeit fair aufzuteilen. Und alle sind so unfassbar müde. Irgendwo habe ich einmal eine Zahl gelesen, die mir nie mehr aus dem Kopf ging: Mehr als die Hälfte der Paare mit Kindern in der Schweiz leben praktisch traditionell. Er arbeitet Vollzeit, sie im Teilzeitpensum. Ich weiß, dass viele es ursprünglich anders wollten. Also muss es unsichtbare Kräfte geben, die Paare an diesen Punkt bringen.

Wenn ich über diese Ängste rede, wischen ältere Leute mit Kindern sie oft weg, als wären sie nichtig. Es heißt dann, man habe es ja selbst in der Hand. Man müsse es einfach tun, abstillen, weiterarbeiten, die Männer in die Pflicht nehmen. Aber wenn das stimmt, warum tun es dann so wenige? Und warum muss ich überhaupt jemanden in die Pflicht nehmen? Das ist die Stelle, an der ich feststecke. Wie ein Tier, das sich aus Angst nicht mehr rührt.

Und dann saß ich vor nicht allzu langer Zeit mit meinem Freund auf dem Sofa bei einem Paar-Coaching. Wir waren da, um die Kinderfrage anzuschauen – professionell quasi. Mein Freund berührte meine Schulter. Mir waren Tränen in die Augen geschossen. Es war ein Punkt, an dem es existenziell wurde. »Ihre Ängste vor der Patriarchats-Strafe sind teilweise berechtigt, aber sie haben für Sie auch eine Funktion«, hatte die Psychologin zu mir gesagt. Und ich fand einfach nicht heraus, welche.

Liebe Rafaela

Vielleicht kann ein Kind auch der Ausweg aus der Patriarchats-Falle sein. An einem Samstagmorgen, halb neun, standen meine Freundinnen und ich an einer Bergstation wie Hunderte andere. Es ging langsam vorwärts. Zu langsam für den Typen neben uns. Er drängte sich vor uns in die Warteschlange und drückte meine Freundinnen und mich Richtung Wand. Wir wehrten uns, sagten: Hey, pass auf, hier stehen Leute! Da drehte er sich um und schrie mich an: Bist du schwanger oder was?

Ich blaffte zurück: Spinnst du? Bist du besoffen oder was? Ein jüngerer Typ, der mit dem Mann da war, zog ihn weg und entschuldigte sich bei uns. Später fragte ich mich: Ist Schwangerschaft jetzt die neueste Beschimpfung für eine Frau? Um damit zu insinuieren, sie sei launisch, emotional, nehme zu viel Platz ein? Sofort gefiel mir die Vorstellung, schwanger zu sein und den Leuten Umstände zu machen.

Eine Freundin erzählte, dass sie, als sie schwanger war, oft dachte: Jetzt kämpfe ich für zwei. Etwa wenn sie sich über ihren Chef aufregte und ihn zur Rede stellte. Oder wenn sie in einem Restaurant oder Geschäft unhöflich behandelt wurde und sich wehrte. Als Mutter muss man wohl mehr kämpfen. Vielleicht hat man aber auch mehr Kraft für diesen Kampf.

Ich habe auch Angst vor der Patriarchats-Strafe. Aber ich glaube allmählich, dass diese Angst bereits Teil der Strafe ist. Und es wäre der ultimative feministische Akt, sich davon nicht einschüchtern zu lassen und es einfach zu tun: Mutter werden.

Liebe Salome

Hast du kürzlich von Wladimir Putin gelesen? Er scheint sich ähnlich intensiv mit dem Thema Kinder zu beschäftigen wie wir. Russlands Bevölkerung schrumpft, und das Sterben im Ukrainekrieg macht alles nur noch schlimmer. Nun überbieten sich Russlands Funktionäre und Politikerinnen mit Vorschlägen zur Stimulierung der Geburtenrate.

Der Gesundheitsminister kritisierte »die verwerfliche Praxis«, dass Frauen sich eine wirtschaftliche Grundlage schüfen, bevor sie Mutter würden. Die erzkonservative Parlamentarierin Margarita Pawlow sagte, mit der Angewohnheit, dass Frauen Hochschulausbildungen abschlössen und jahrelang nach sich selbst suchten, während sie ihre Gebärfähigkeit verlören, müsse Schluss sein. Es gibt die Idee, Studentinnen im Alter von 18 bis 23 Jahren für die Geburt eines Kindes zu bezahlen. Eine neue Behörde verfolgt und bestraft seit Ende letzten Jahres die »Propaganda von Kinderlosigkeit«. Ein Internetforum wurde bereits geschlossen, auf dem sich Mütter über ihre Probleme austauschten.

Man muss nicht bis nach Russland schauen. In Ungarn gibt Viktor Orbán Frauen bei ihrer ersten Heirat einen Kredit, und wenn sie drei Kinder haben, wird er ihnen erlassen. In Italien wurde der Zugang zu Abtreibungen erschwert, seit Giorgia Meloni an der Macht ist.

Wenn ich solche Berichte lese, reagiere ich zynisch. Ich stelle mir meine Gebärmutter vor, in Reih und Glied mit anderen Gebärmüttern, strammstehend, salutierend, sich zum Staatsdienste meldend. Aber ich möchte eigentlich gar nicht zynisch werden.

Dass ich meinen Körper für ein anderes Lebewesen zur Verfügung stellen soll, beschäftigt mich. Als meine Gynäkologin mich einmal ungefragt aufklärte, welche Maßnahmen zu treffen seien, falls ich eine Schwangerschaft in Betracht ziehen sollte (Blutgruppenausweis immerzu am Körper tragen, Eisenmangel beheben, Impfungen auffrischen, Folsäuredepot auffüllen, kein Koffein, kein Alkohol), reagierte ich ungehalten. Noch nie in meinem erwachsenen Leben hatte mir jemand derart viele Vorschriften gemacht.

Wer wäre eigentlich wichtiger bei einer Schwangerschaft: ich oder das Kind? Würde man erst das Baby retten, wenn ich verblute? Bin ich bereit, hinter einem Ungeborenen zurückzustehen? Und wenn ja, zu welchem Preis?

Alte Mütter seien verkopft, las ich kürzlich, dafür passen sie besser auf sich auf. Oft verlaufen ihre Schwangerschaften problemlos, weil sie gesund leben.

Vielleicht hast du recht, liebe Salome, und all diese Zweifel sind bereits die Strafe. Wenn alle Staaten so dringend Kinder wollen, sollten wir unsere Fähigkeit, Leben zu erschaffen, als Macht begreifen und nicht als Schwäche. Und sie so gut ausspielen, wie wir können.

Liebe Rafaela

Ich denke an Margaret Atwoods dystopischen Roman The Handmaid’s Tale, in dem Frauen versklavt werden und für die herrschende Klasse Kinder gebären müssen. Ich lese die Menschheitsgeschichte ohnehin so, dass sich Männer immer vor den Frauen gefürchtet haben, und vieles – alles – daransetzten, sie zu kontrollieren und kleinzuhalten. Wie sehr es die Männer gekränkt haben muss, dass Frauen diese gottähnliche Macht haben und Leben erschaffen!

Ich selbst überhöhe Schwangerschaft und Geburt, wenn ich sie zu einer Frage stilisiere, von der mein Leben abhängt. Dabei müsste ich doch nur an meine Eltern denken, um zu sehen, wie einfach es sein kann: Sie lebten mit meinem Bruder und mir in einem Häuschen auf dem Land. Meine Mutter arbeitete Vollzeit als Lehrerin, mein Vater war Hausmann und in einem kleinen Pensum als Korrektor bei einer lokalen Zeitung angestellt. Sie hatten beide Zeit für uns.

Wenn ich mit Müttern rede, die älter sind als ich, merke ich, wie sie sich über unsere Generation wundern. Darüber, dass Männer und Frauen beruflich erfolgreich und gute Eltern sein wollen. Darüber, wie ausgefüllt die Tage der heutigen Eltern sind, wie der Alltag durchgeplant ist bis zur letzten Minute. Und wie alles durcheinandergerät, wenn ein Kind krank wird. Die älteren Mütter sagen, dass man nicht alles haben kann: Kinderhaben bedeute auch Verzicht.

Was hieße in unserem Fall Verzicht? Auf den Anspruch der Gleichberechtigung zu verzichten? Solange es in unserer Gesellschaft die Frau ist, die üblicherweise verzichtet, kommt für mich Verzicht nicht infrage. Also erwarte ich wohl doch von meinem Freund, dass er zurückstehen würde. Sonst wäre ich enttäuscht. Ich will Gerechtigkeit und bin insgeheim ungerecht. Und damit enttäusche ich auch mich selbst.

Trotzdem bin ich hochmütig genug zu glauben, dass ich eine gute Mutter wäre. Vermutlich hat es mit meiner Mutter zu tun: Wenn ich mich als Mutter vorstelle, sehe ich sie. Wie ist das bei dir?

Liebe Salome

Ich glaube, ich fürchte mich davor, eine zu gute Mutter zu werden. Ich befürchte, ich würde die Mutterrolle, wie fast alle Bereiche meines Lebens, einem Perfektionsanspruch unterwerfen, an dem ich nur scheitern könnte.

Zudem ist Mutterliebe offenbar nur eine kulturelle Erfindung. Kürzlich las ich den Text »Mutterliebe« der französischen Philosophin und Soziologin Elisabeth Badinter. Sie schrieb ihn 1980 als dreifache Mutter im Alter von 36 Jahren. »Mutterliebe« war ein großer Skandal, wurde in 30 Sprachen übersetzt. Badinter zeichnet darin nach, wie die bürgerlichen und aristokratischen Frauen in Paris noch im 18. Jahrhundert ihre Kinder sofort nach der Geburt für mindestens zwei Jahre zu Ammen gaben, bei denen sie nur mit Glück überlebten. Selber stillen galt als unschicklich, Liebe zu Kindern war kein Thema. Das änderte sich erst im 19. Jahrhundert, als Erziehungsfragen neu gedacht wurden, der Mythos vom Mutterinstinkt entstand und die Frau zur Hauptverantwortlichen für die Familie erklärt wurde. Zu dieser Zeit fand auch das »Schuldgefühl Eingang ins Herz der Frau«, schreibt Badinter.

Wie wir unsere Kinder lieben, ist also keine persönliche Frage, zumindest nicht ausschließlich. Wir leben in einer Zeit, in der die Fürsorgearbeit als Arbeit erkannt und gerechter zwischen den Geschlechtern aufgeteilt werden soll. Gleichzeitig erleben wir mit Phänomenen wie #Tradwife eine Rückkehr des Muttermythos. Ich komme aus einer Familie voller aufopfernder Frauen, die ihre Wünsche zurückstellten und leidenschaftlich Mutter waren. Aber irgendetwas an ihnen war auch hart. Ich stellte mir manchmal vor, das Harte war der versteinerte Kern ihrer ungelebten Träume.

Beschäftigt dich eigentlich die Frage, ob man überhaupt noch Kinder in diese Welt setzen soll?

Liebe Rafaela

Die Welt ist so irre, auf keinen Fall sollte man sie Kindern zumuten! Ich ertrage sie selbst manchmal kaum. Trotzdem würde ich nicht deswegen auf ein Kind verzichten. Es käme mir sonst vor wie ein Aufgeben, als würde ich die Welt voreilig Leuten wie Donald Trump und Elon Musk überlassen, die sich mit ihren fünf und zwölf Kindern bereits eifrig vermehrt haben.

Kennst du den Fall Frieda Keller? Zurzeit läuft im Kino ein Film über sie. Sie war eine junge Schneiderin aus St. Gallen, die in einem Restaurant aushalf und vom Besitzer fast schon beiläufig vergewaltigt wurde. Keller wurde schwanger und gebar einen Sohn. Als arme, unverheiratete Frau konnte sie nicht für ihn sorgen, er kam ins Heim. Mit fünf hätte er zu ihr ziehen sollen. Da ging sie mit ihm in den Wald und tötete ihn. Das war 1904. Im selben Jahr wurde sie wegen Mordes zum Tod verurteilt.

Gegen das Todesurteil demonstrierten damals viele Schweizer Frauenorganisationen. Sie kritisierten, dass bei Frieda Keller mildernde Umstände hätten gelten müssen: etwa dass sie wegen des unehelichen Kindes Scham empfunden habe; Verzweiflung, weil sie ihrem Sohn als mittellose Frau kein gutes Leben bieten konnte; Einsamkeit, weil ihr niemand half. Dass Frieda Keller also aus Not ihr Kind getötet hat – weil die Gesellschaft war, wie sie war.

Der Druck von der Straße wirkte, Frieda Keller wurde begnadigt. Sie erhielt eine lebenslange Zuchthausstrafe in Einzelhaft und starb 1942.

Das Wirkungsvollste gegen das Gift in der Welt ist, involviert zu bleiben. Anteil und vor allem Anstoß zu nehmen. Wegen vieler Vorkämpferinnen haben wir heute die Fristenlösung, die Mutterschaftsversicherung und ein Ehegesetz, das auf Gleichstellung beruht.

Neu ist für mich die Einsicht, dass man mit eigenen Kindern automatisch involviert bleibt. Bisher schien es mir so, dass sich Leute ins Private zurückziehen, sobald sie Kinder haben. Dass sie nur noch darüber nachdenken, wie das Kind schläft, ob es genug isst, wie es in der Schule reüssieren wird. Ob es glücklich ist.

Die Kernfamilie, versinnbildlicht durch Mutter, Vater, Tochter und Sohn, die auf ihrem Sonntagsausflug zu viert durch die Landschaft radeln und in den Ferien auf der italienischen Piazza ein Eis essen, hat mich immer abgestoßen. Feministinnen sahen in der bürgerlichen Kleinfamilie jene Lebensform, durch die Frauen domestiziert wurden.

Aber nun denke ich: Vielleicht ist die Kernfamilie ja die eigentliche Zelle des Widerstands? Ein Friedensprojekt im Kampf gegen den Wahnsinn da draußen?

Liebe Salome

Kürzlich saß ich mit einem Freund im Zugrestaurant und fragte mich, auf was für eine Reise ich da geraten war. Der Freund, er hat drei Kinder, schien sich für die Fahrt vorgenommen zu haben, mich vom Mutterwerden zu überzeugen. Ein Bild, das er vor meinem inneren Auge entwarf, blieb mir später haften. Was für ein Mensch willst du sein?, fragte er. Jemand, der kontrolliert und makellos durch sein Leben läuft? Oder jemand, der lebt, ringt, und irgendwo klebt noch ein bisschen Brei?

Das mit dem Brei hatte was. Im Paar-Coaching hatte ich etwas Ähnliches gespürt. Auf großen Wandpapieren sammelten mein Freund und ich alle Vor- und Nachteile für ein Leben mit und ein Leben ohne Kind. Später sollten wir uns davorstellen und in uns hineinhorchen. Die Wand mit Kind war nicht besser – aber aufregender. Sie erzählte vom vollen Leben.

Normalerweise dränge ich mich bei großen Entscheidungen immer zur mutigeren Variante. In diesem Fall bin ich aber nicht sicher, was mutiger ist: ein Leben mit oder ohne eigene Kinder? Für mich ist ein Kind vermutlich die mutigere Entscheidung, weil das totale Scheitern droht: als Paar und als Frau. Solange ich es nicht probiere, bin ich nicht an meinen Idealen gescheitert. Ich kann weiter in moralischer Überlegenheit über die Fehler der anderen nachdenken. Gesellschaftlich finde ich es allerdings mutiger, kinderfrei zu leben. Es ist viel stärker stigmatisiert.

»Du kannst es nicht zu Ende denken«, hatte der Freund am Ende der Zugfahrt gesagt, als ich ihm von meinen Gedanken erzählte: »Es gibt ein Level, das du noch nicht kennst.«

Erinnerst du dich, liebe Salome, dass du einmal zu mir gesagt hast: »Wenn du ein Kind bekommst, mache ich es auch«? Warum hast du das gesagt?

Liebe Rafaela

Ich erinnere mich! Wir haben uns an einem Sommerabend getroffen und sind durch den Friedhof in unserem Quartier spaziert.

Ich habe lange darüber nachgedacht, warum ich damals diesen Satz zu dir gesagt habe. Ich glaube, ich weiß eine Antwort: Wenn du Mutter wirst, muss es einen Grund fürs Kinderkriegen geben, den ich bisher nicht bedacht habe. Einen Grund, der auch für mich gelten könnte.

Als ich Freundinnen und Verwandte fragte, warum sie Kinder haben, sagten sie: weil sie Sehnsucht nach einer eigenen Familie hatten. Weil sie diese tiefe Liebe zu einem Kind erfahren wollten. Weil sie versuchten, eine Beziehung zu retten. Weil sie sich als Frau ohne Kind nicht vollständig gefühlt hätten. Weil sie Spuren hinterlassen möchten.

Bei dir wäre der Grund, so stelle ich mir das vor, Neugier. Nicht die Neugier auf das Kind, das in dir heranwächst, zur Welt kommt und zu einer eigenen Persönlichkeit wird. All das würde mich vermutlich auch interessieren. Aber zuallererst wäre es Neugier auf sich selbst: Wie wird es bei mir sein, wie werde ich sein? Manchmal sehne ich mich danach, dass es in meinem Leben um etwas anderes geht als um mich selbst.

Wenn du Mutter wirst, hieße das für mich, dass es einen Weg gibt. Einen Ausweg aus meinem Hadern. Ich müsste vielleicht gar nicht aufgeben, wie ich lebe und wer ich bin. Ich könnte mich vielleicht einfach in eine neue Dimension überführen.

Weißt du noch, ich habe dir vor ein paar Wochen von einem Dokumentarfilm erzählt, Two Strangers Trying Not to Kill Each Other. Er handelte von dem weltbekannten Fotografen Joel Meyerowitz und seiner Frau, der erfolglosen Autorin Maggie Barrett. Er ist 84 Jahre alt, sie 75. Im Film ging es um Verlust, Alter, Krankheit, Tod. Und darum, was man einander schuldet und schenkt. Als ich aus dem Kino trat, empfand ich etwas sehr Schönes und sehr Dringliches: Lebenshunger.

An jenem Abend kam ich heim und sagte meinem Freund: Ich spüre Lebenshunger! Er saß auf dem Sofa und hörte interessiert zu. Dann fragte er: Und was bedeutet das nun? Ich wusste keine Antwort. Jetzt denke ich: vielleicht ein Kind?

Liebe Salome

Ich habe vergessen, dass wir auf dem Friedhof über Kinder geredet hatten. Das passt irgendwie – vom Ende her gedacht. Für mich fühlte sich dein Satz damals ebenfalls wie ein Ausweg an. Ich zog zum ersten Mal die Möglichkeit in Betracht, dass man sich Last und Zweifel vielleicht teilen könnte.

Dann kam mir ein anderer Gedanke. Könnte es sein, dass wir uns jahrelang gegenseitig vom Kinderkriegen abgehalten haben? Wie könntest du es wagen, Mutter zu werden, wenn ich es als unklug erachte? Wie könnte ich es tun, wenn du das Risiko, alles zu verlieren, als zu groß einschätzt? Oder sind wir Freundinnen, weil uns in dieser Frage die Ambivalenz verbindet?

Und wer wären wir ohne sie?

Der Briefwechsel erschien auch im »NZZ am Sonntag Magazin«