Kein Anschluss ohne diese Nummer
Ein Hexenwerk ist so eine Solaranlage für Kristof Obermann nicht. Als Professor für Elektrotechnik kennt er sich mit Strom beruflich gut aus. So weiß er zum Beispiel, was elektrischer Widerstand ist und wie man ihn überwindet. Was bürokratischer Widerstand bedeutet, das lernt er seit Jahren auf die harte Tour.
Mit seiner Familie lebt der 58-Jährige in einem Mehrfamilienhaus in Oberursel, nördlich von Frankfurt. Auf dem Dach befindet sich seit Sommer vergangenen Jahres eine Solaranlage, die die zehn Eigentumswohnungen mit Strom versorgen könnte. Die Module sind perfekt ausgerichtet, alle Kabel sind verlegt, im Keller hängt ein neuer Zählerschrank. Strom produziert die Anlage allerdings nicht. Ein paar Kleinigkeiten fehlen noch. Etwa eine elfstellige ID-Nummer, die Obermann erst vor wenigen Tagen zugeteilt wurde. Mehr als ein Jahr lang hat er um diese Nummer gekämpft.
Diese Geschichte handelt davon, wie schwierig es selbst für motivierte Menschen sein kann, das Richtige zu tun. In diesem Fall: erneuerbaren Strom vom eigenen Dach zu beziehen statt fossile Energie aus einem Kraftwerk. Guter Wille und Verantwortungsgefühl allein reichen dafür bisweilen nicht aus. Die private Energiewende erfordert auch eine Mischung aus Hartnäckigkeit und unerschütterlichem Optimismus. Wer all das mitbringt, darf hoffen.
»Ich halte den menschengemachten Klimawandel für die größte Herausforderung unserer Zeit und empfinde eine große Verantwortung, die Energiewende voranzubringen«, sagt Obermann im obersten Flur seines Hauses. Er öffnet eine Dachluke und klettert über eine Aluleiter hindurch: Solarmodule auf dem begrünten Flachdach, dazwischen Gräser. Ungenutzt fallen Sonnenstrahlen auf die schwarzen Platten. Gesamtleistung der 60.000 Euro teuren Anlage bis heute in Kilowattstunden: null.
Die Dächer der großen Häuser in der Wohnsiedlung sind wie gemacht für Photovoltaik. Das war einer der Gründe, die Obermann 2022 auf die Idee brachten, seiner Eigentümergemeinschaft so etwas vorzuschlagen. »Ich verstehe nicht, warum man große Solaranlagen auf wertvollem Ackerland errichtet, während die Dächer der allermeisten Mehrfamilienhäuser ungenutzt bleiben«, sagt er.
Obermann hat recherchiert und Studien gelesen. 1,9 Millionen Mehrfamilienhäuser in Deutschland eigneten sich dafür, würden anders als Einfamilienhäuser aber kaum genutzt. Das liegt oft daran, dass der Dachstrom nicht nur an eine Partei geht, sondern auf mehrere Wohnungen verteilt und entsprechend abgerechnet werden muss. »Mieterstrommodelle« sollen das erleichtern – wobei es egal ist, ob es sich um Miet- oder Eigentumswohnungen handelt.
Politisch ist das gewollt, ökologisch sinnvoll, und mit etwas Glück gelingt so ein Projekt auch reibungsarm. Doch für Obermann entwickelte sich die private Energiewende beinahe zum Vollzeitjob.
Los ging es mit den anderen Wohnungseigentümern des Hauses. Der Bauträger hatte das Gebäude 2005 in schönster Immobilienprosa »Adagio« getauft, was in der Musik »langsam« bedeutet. Und langsam passte auch. Es hat gedauert, alle Miteigentümer zu überzeugen. An die Debatten kann sich Obermann gut erinnern. »Ich würde mich freuen, wenn sich alle meine Studenten so tief mit der Materie befassen würden wie unsere Eigentümergemeinschaft«, sagt er. Wer schließt mit wem welche Verträge, damit jeder bekommt, was er erwartet? Wer trägt welche Kosten, welche Risiken gibt es? Solcherlei Diskussionsfreude zeigt einerseits, dass die Menschen im Land sehr wohl bereit sind, sich mit den Fragen der persönlichen Energiewende zu befassen. Andererseits: Wenn schon die Entscheidung über den Bau einer einzelnen Solaranlage solche Debatten voraussetzt – wie soll daraus ein Massenphänomen werden?
Obermann weiß, dass ein Dach mehr oder weniger den Klimawandel nicht beeinflusst. Was für ihn aber nicht bedeutet, deswegen untätig zu bleiben. Daher blieb er dran. Und machte das Gemeinschaftsprojekt zu seiner Sache.
Auch die Hausverwaltung war zunächst skeptisch. Es stellte sich nämlich heraus, dass das Adagio-Haus mit vier benachbarten Gebäuden auf demselben Grundstück steht. Die zehn Adagio-Eigentümer waren folglich nur die Untergemeinschaft einer viel größeren Eigentümergemeinschaft mit 56 weiteren Parteien. Sollten die ebenfalls mitzureden haben?
Klarheit brachte erst ein Rechtsgutachten, das beauftragt, geschrieben, bezahlt und besprochen werden musste. Als das geschafft war, ging es um die Statik: Hält das Dach? Nur auf Verdacht sollte man Solarpanels schließlich nicht installieren.
Leider besaß der Bauträger keine statischen Unterlagen mehr. Auch die Eigentümer suchten vergeblich danach. Obermann telefonierte herum. Und fand heraus, dass die Daten bei einem Ingenieurbüro lagen. Das habe für die Herausgabe 937 Euro verlangt. Obermann hielt das für Wucher, zog vor Gericht, verlor aber. Danach war er 937 Euro ärmer und um eine Erkenntnis reicher: Das Dach würde halten.
Die Eigentümergemeinschaft entschied sich für ein gängiges Modell, das Abstimmungsprobleme jedoch schon erahnen lässt: Sie verpachtet dabei ihre Dachfläche an eine Betreibergesellschaft. Diese wiederum besorgt Geld bei Investoren (das müssen nicht zwingend die Wohnungseigentümer sein), um die Anlage zu errichten und zu betreiben. Der dort erzeugte Strom geht zum Vorzugspreis an Bewohner im Haus. Obermann ist zugleich Stromkunde in spe und Investor, ihm gehört ein Sechstel der Anlage.
Zudem ist ein Messstellenbetreiber für den Betrieb der Stromzähler verantwortlich. Damit klar ist, wie viel Strom die Anlage produziert und wie viel davon jede einzelne Wohnung im Haus verbraucht. Schließlich braucht es das Okay des Netzbetreibers. Der muss einverstanden sein, dass ein neues Kraftwerk ans Stromnetz angeschlossen wird.
Der Plan war, dass die Anlage den Hausbewohnern nach ihrer Fertigstellung Strom für 25 Cent je Kilowattstunde liefern sollte. Das wäre gut fünf Cent billiger, als ihn regulär zu kaufen. Vor etwas mehr als einem Jahr war alles installiert. Es fehlte nur noch eine Nummer. Die Marktlokations-Identifikationsnummer, kurz: MaLo-ID.
Die MaLo-ID ist so etwas wie ein Autokennzeichen für Energie. Immer wenn Strom irgendwo entsteht, eingespeist oder entnommen wird, muss man ihn zuordnen. Das ist einerseits nötig, um Netze steuern zu können, und andererseits wichtig für Abrechnungen. Man muss ja wissen, wer wie viel Strom verbraucht, produziert oder verteilt.
Millionen Einfamilienhausbesitzer haben für ihre Solaranlagen solche Nummern problemlos von ihrem Netzbetreiber bekommen. Bei Mehrfamilienhäusern scheint es komplizierter zu sein. Im Fall von Obermanns Projekt ist die Firma Syna aus Frankfurt der örtliche Netzbetreiber. Die Syna schrieb, wie aus einer E-Mail hervorgeht, dass sie die Nummer zwar vergeben könne, das aber nur tun wolle, wenn sie vom Messstellenbetreiber in einem bestimmten Verfahren danach gefragt werde. Der Messstellenbetreiber wiederum schrieb, ebenfalls per E-Mail, er sei für die Anfrage nicht zuständig. Die Folge: keine Nummer, kein Strom. Obermanns private Energiewende steckte wieder einmal in einer Sackgasse.
Er wisse nicht mehr, wie viele E-Mails er mittlerweile geschrieben und wie viele Anrufe er seit seiner ersten Solarstrom-Idee getätigt habe. »Wenn ich einen normalen Stundensatz dafür veranschlagt hätte, wäre die Anlage wahrscheinlich mindestens doppelt so teuer geworden«, sagt er.
Dieser Aspekt fehlt oft, wenn Politiker oder Lobbyisten unterstellen, die Deutschen lehnten alles Neue ab und seien nicht willig zu Veränderungen. Vielleicht sind sie es doch, scheuen aber den Aufwand. Ob sich eine Solaranlage lohnt, wird oft nur in Euro und Cent betrachtet, nicht in Wochen oder Monaten, die man in Anrufe, Formulare und Rückfragen investieren muss. Irgendwann verleidet das selbst jenen die Energiewende, die sie eigentlich befürworten.
Nach Monaten des vergeblichen Wartens, Nachfassens und Drängelns wusste Obermann nicht mehr weiter. Er bat all jene um Hilfe, die sich sonst dafür rühmen, die Energiewende zu ermöglichen oder zu unterstützen. Darunter waren die Bundesnetzagentur, die Schlichtungsstelle Energie, die Clearingstelle Energie, Greenpeace, die grüne Bundestagsabgeordnete seines Wahlkreises und das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Half aber nicht. »Ich hätte nie gedacht, dass die Installation einer PV-Anlage auf einem Mehrfamilienhaus derart problematisch sein würde«, sagt er.
Vor wenigen Wochen erbarmte sich seiner ein Sachbearbeiter des hessischen Wirtschaftsministeriums. Er wandte sich an die Syna, also den Netzbetreiber, der die ID vergeben sollte, und bat, Obermann doch bitte weiterzuhelfen. Zufrieden zeigt dieser die E-Mail auf seinem Laptop. Es gab Hoffnung.
Tatsächlich kam dadurch Bewegung in die Sache. Offenbar motiviert vom Ministerium teilte die Syna Obermann die ersehnte MaLo-ID mit. Allerdings blieben weitere Punkte offen, schrieb sie dazu, die Sache werde leider »noch etwas bürokratischer«.
Die ZEIT hat die Syna zu dem Fall befragt. Mieterstromprojekte seien zwar sinnvoll, antwortete sie, in der Praxis »jedoch deutlich komplexer als eine normale Stromversorgung«. Bei derart vielen Beteiligten »steigen der Abstimmungsaufwand und die Fehleranfälligkeit erheblich«. Besonders anspruchsvoll seien Mieterstrommodelle mit »virtuellen Summenzählern« – so etwas hatten auch Obermann und die anderen Eigentümer vor. Dabei werden Strommengen nicht mehr durch einen physischen Zähler gemessen, sondern teilweise errechnet. Schon kleine Fehler bei der Erhebung der Daten könnten dazu führen, dass »Prozesse nicht automatisiert verarbeitet werden können«, schrieb die Syna. Die Branche arbeite an Standardisierungen, stehe aber noch vor »erheblichen Herausforderungen«.
Auf ähnliche Probleme verweist auch der Messstellenbetreiber, den die ZEIT ebenfalls um eine Stellungnahme gebeten hat.
Nach bösem Willen sieht das nicht aus. Eher danach, dass es viel einfacher ist, Sonnenstrahlen in Strom zu verwandeln, als diesen anschließend zur Zufriedenheit aller Beteiligten abzurechnen.
Immerhin hat Obermann jetzt eine Nummer. Auf dem Weg zur privaten Energiewende ist er ein Stück vorangekommen, wenngleich die Anlage immer noch keinen Strom produziert. Erklären lässt sich das zwar irgendwie. Aber auf eine gewisse Weise bleibt es dennoch unerklärlich.