Die Amerikaner liebten ihn zuerst

Jetzt scheint es, als hätten die Deutschen ihren Bonhoeffer schon immer verehrt. Doch nach dem Krieg blieb er ihnen lange suspekt 

Wem gehört Dietrich Bonhoeffer? Die Frage ist nicht neu. Mein berühmter Großonkel wurde schon oft in Anspruch genommen für politische Ziele – auch in Deutschland.

In den ersten Nachkriegsjahren galt Bonhoeffer hierzulande als Provokation: Der Mann, der sich früh gegen jede Form des Nationalismus ausgesprochen und den autoritären Gehorsam der Deutschen unerträglich gefunden hatte, störte die Nachkriegsgesellschaft der allzu willigen Mitläufer und Täter.

Meine Mutter erzählte manchmal davon, wie schwierig es war, im Land der ehemaligen Blockwarte zu leben. Es ist ein trauriges Kapitel der Nachkriegsgeschichte, wie die Familie um Anerkennung nicht nur Dietrich Bonhoeffers, sondern auch seines älteren Bruders Klaus und seiner Schwäger Hans von Dohnanyi und Rüdiger Schleicher kämpfen musste. Diese mutigen Männer waren als Beteiligte am Widerstand gegen Hitler ebenfalls noch kurz vor Kriegsende ermordet worden.

Erst Ende der Sechzigerjahre begann sich in Kirche und Gesellschaft ein helleres Bild von Dietrich Bonhoeffer durchzusetzen. Daran hatte sein engster Freund Eberhard Bethge entscheidenden Anteil, der 1943 die ältere Schwester meiner Mutter geheiratet hatte. Er war es, der Dietrichs Schriften herausgab, von denen vor allem die unter dem Titel Widerstand und Ergebung publizierten Briefe aus dem Gefängnis bald berühmt wurden. Und Bethge verfasste die erste Maßstäbe setzende Biografie. Diese Texte passten in eine Zeit, als die Studentenbewegung von der Elterngeneration forderte, sich der Verantwortung für die NS-Verbrechen zu stellen.

Nun fand der unbequeme Bonhoeffer, der Außenseiter, Beachtung. Allmählich erlangte er dann den Status eines Helden, schließlich den eines Heiligen. Doch die Heroisierung bedeutete auch Distanzierung: Je höher der Sockel, auf den man ihn stellte, desto mehr konnte man sich ihn vom Leib halten. Wer ist schon aus dem Holz geschnitzt, aus dem Helden sind?

Die verspätete Aneignung von links geschah auch innerhalb der evangelischen Kirche: Nicht wenige Theologen, die sich als progressiv verstanden, schmückten sich mit Bonhoeffer, um in der Ökumene zu reüssieren oder internationale Beziehungen zu knüpfen. Auch westdeutsche Demonstranten gegen Aufrüstung oder Kernkraft, sonst eher kirchenfeindlich, sahen sich als Nachfolger Bonhoeffers – und vergaßen, dass in den damaligen Diktaturen, etwa der DDR, Polen oder Südafrika, wo Bonhoeffer für Christen zum Vorbild wurde, Widerstand einen anderen Preis hatte als in der Demokratie.

Die Heroisierung Bonhoeffers ging schon damals mit seiner Trivialisierung und Verkitschung einher. Worte von ihm schmückten nun Todesanzeigen, besinnliche Kalender und Postkarten.

Und in Amerika? Ich weiß noch, wie ich mich freute, als im Jahr 2002 der US-Präsident George W. Bush in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag Bonhoeffer als einen der größten Deutschen des 20. Jahrhunderts pries und bekannte: »Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehe lassen kann und will.«

Wenn wir Deutschen uns heute über die Vereinnahmung Bonhoeffers durch Trumpisten empören, sollten wir nicht vergessen: Er ist in den USA, wo er studiert und viele Freundschaften geknüpft hatte, populärer als in seiner Heimat. Dort lebt er in der Überlieferung vieler Christen fort, unzählige Wissenschaftler erforschen sein Leben und Werk. Umso bitterer, wenn nationalistisch gesinnte Evangelikale seine Schriften nun benutzen, um ihren Kampf gegen eine liberale, offene Gesellschaft zu rechtfertigen.

Eine Schlüsselrolle spielt dabei Eric Metaxas. Der Publizist und Fox-News-Kommentator hatte 2010 eine Bonhoeffer-Biografie vorgelegt, die eine Millionenauflage erreichte. Preis dieses Erfolgs war die Umdeutung meines Großonkels zum evangelikalen Fundamentalisten. Inzwischen hat sich Metaxas ganz auf die Seite Trumps geschlagen. Seine Botschaft: Wie Bonhoeffer dem NS-Regime widerstand, so müssen wir heute Widerstand gegen den Zeitgeist leisten. In einem X-Post schrieb Metaxas: »Jetzt können wir endlich klar erkennen, dass Biden unser Hitler ist. 1933-34. Siehe mein Bonhoeffer-Buch für Details. Die Parallelen sind atemberaubend und werden immer offensichtlicher. Betet für diese Nation. Betet.«

Der Spielfilm Bonhoeffer, der nun auch in deutschen Kinos läuft, nimmt dieses Narrativ auf. Der Drehbuchautor und Regisseur sagt, er hätte mit der rechten Vereinnahmung nichts zu tun. Doch wir Nachkommen finden: Wie der Film mit historischen Fakten umgeht, ist unerträglich. Da wird ein selbstgewisser Mann im Kamelhaarmantel und mit schnieker Frisur gezeigt, der Churchill um Sprengstoff bittet und es am Ende, vor seiner Hinrichtung, kaum erwarten kann, von einem golgathaähnlichen Hügel aus gen Himmel aufzusteigen. Dass Bonhoeffer zweifelte, dass er litt, weil er gern lebte – all das hätte das Heiligenbild wohl gestört.

Fast hundert Nachkommen der sieben Geschwister Bonhoeffers haben sich in einem offenen Brief gegen den Film und seine aggressive Vermarktung in den USA gewehrt. Dies und der Protest prominenter deutscher und amerikanischer Bonhoeffer-Experten löste eine heftige Debatte aus. Eric Metaxas warf uns vor: Wir seien genau diese woken Menschen, gegen die Bonhoeffer heute Widerstand geleistet hätte. Und Regisseur Todd Komarnicki ließ uns beleidigt wissen, er habe eben seinen eigenen Bonhoeffer zeigen wollen.

Darf sich jeder »seinen« Bonhoeffer basteln? Ich glaube, gegen die öffentliche Verfälschung braucht es Räume für eine ehrliche Erinnerung. In Berlin gibt es so einen Ort: das Bonhoeffer-Haus, heute eine Begegnungsstätte, während der Nazizeit Treffpunkt der Familie.

Leider tut sich die evangelische Kirche in Deutschland, die Bonhoeffer heute so sehr verehrt, mit einer würdigen Förderung des Bonhoeffer-Hauses schwer. Mir fällt dazu ein Wort meines Großonkels ein, auch aus der Haft: »Was ein Haus bedeuten kann, ist heute bei den meisten in Vergessenheit geraten, uns anderen ist es aber gerade in unserer Zeit besonders klar geworden. Es ist mitten in der Welt ein Reich für sich, eine Burg im Sturm der Zeit, eine Zuflucht, ja ein Heiligtum.«

Tobias Korenke, 59, ist ein Großneffe Bonhoeffers. Der Historiker arbeitet für die Funke Mediengruppe