Pechvogel
Pechvogel
Seit Elon Musk Twitter gekauft hat, herrscht im Netz Unruhe. Der Unternehmer hat Hunderte Angestellte gefeuert und angekündigt, das angebliche Meinungsdiktat linker Aktivisten auf der Plattform zu brechen. Seitdem verlassen Tausende User den Dienst, Anzeigenkunden, die dem Konzern Millionen einbringen, wenden sich ab.
Wie muss man sich dazu verhalten? Muss man sich überhaupt dazu verhalten? Erstaunlich, dass erst mit diesem Schritt Musks für viele Twitterer sichtbar wurde, was vorher in der twitternden Alltagspraxis unsichtbar blieb: Es ist nicht die Agora, auf der sich freie Internetbürger zum freien Gespräch treffen, um dort Meinungen, Stimmungen, Assoziationen, manchmal sogar Argumente und nicht zuletzt eigene Produkte auszutauschen. Nein, dieses kostenlose Kommunikationsangebot wird mit Daten bezahlt. Diese Daten ermöglichen eine Wertschöpfung durch Mustererkennung, und sie werden für etwas anderes verwendet als das, wofür sie erzeugt worden sind. Diese Erkenntnis hat auch meine Alltagsroutine gestört – jene Illusion, die es braucht, um sich alltäglich, mal en passant, dann wieder strategisch und mit konkreten Zielen, ins Twitter-Getümmel zu werfen.
Die einen feiern Elon Musk nun als großen Strategen und liberalen bis libertären Helden der Eigeninitiative und Freiheit. Die anderen sehen der Drohung ins Auge, dass Twitter zu einem nicht moderierten, unzivilisierten Ort wird, an dem alles gesagt werden kann, ohne Rücksicht auf Verluste. Worin die einen ein Symbol der Redefreiheit sehen, erkennen die anderen Anreize für Feindlichkeit, Gewalt, Manipulationen und eine libertäre politische Agenda sich auf Twitter ausbreiten werden. Beides – Hoffnung und Gefahr – werden Elon Musk als Kalkül zugeschrieben. Genau besehen scheint der neue Twitter-Chef aber weniger klare Intentionen zu haben – der große Stratege wirkt eher, als wäre er haltlos in die Sache hineingeschlittert. Er wird wohl feststellen, dass auch Twitter kein rechtsfreier Raum ist. Die Befürchtungen seiner Kritiker werden lange angemahnte Formen der Kontrolle und der rechtlichen Regulierung nach sich ziehen – wahrscheinlich auch aus ökonomischen Gründen. Denn wenn Twitter entvölkert wird oder sich dort nur noch Ähnliche wiederfinden, gerät das Geschäftsmodell in Gefahr.
Wahrscheinlich besteht eine der größten Zivilisationsleistungen darin, dass man nicht in jedem Falle sagt, was man gerade denkt oder was man denken würde, wenn man es sagen könnte. Wie schwer das schon im analogen Leben ist, wissen wir aus eigener Erfahrung. Es ist sehr voraussetzungsreich, im Alltag die Differenz von Sagen und Meinen aufrechtzuerhalten – Hegel hat in der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften gemeint (sic!), dass ich gar nicht sagen kann, was ich nur meine, weil das Gemeinte in sprachlicher Form schon ein Allgemeines ausdrücke. Auf Twitter reagiert man schnell, niedrigschwellig, unmittelbar, prägnant. Man schreibt hin, was man denkt, und wird dann eben nicht mit eigenen Gedanken konfrontiert, sondern mit etwas, das dadurch allgemein (geworden) ist, verstehbar über den eigenen Kopf hinaus. Wo das Sagen und Schreiben besonders niedrigschwellig ist, erzeugt es ein allgemein Zugängliches, das riskanter ist: Es findet weniger Halt an der Welt und erzeugt eine ungeheure Dynamik.
Das Schöne an Twitter ist, dass Twitter auf die (erwartete, befürchtete, erhoffte) Veränderung von Twitter mit Twitter-Mitteln reagiert hat. Ich war früher auf Facebook – aus heutiger Perspektive erscheint das wie der Nachhall der Briefkultur. Ich schaue mir Instagram nur von Weitem an, weil es mir zu bildlastig und popkulturell ist – und dadurch auch kaum riskant, weil es Sagen und Meinen im Zeigen aufhebt. TikTok ist mir noch ferner, obwohl vielleicht der Kanal mit den größten Wirkungen auf eine junge Generation, und Telegram habe ich nur mit Schaudern wahrgenommen – ein Durchlauferhitzer für Eskalationsstrategien und Selbstbestätigungsräume. Die von den Medienwissenschaften inzwischen abgeräumte These von den geschlossenen Echokammern findet wohl auf Telegram noch einen Rest von Plausibilität.
Twitter erzeugt in dem oben beschriebenen Sinne eine Realität eigener Art, nicht einfach nur die freie Abbildung von etwas, das als Meinung schon da ist und das man mit einer freedom of speech-Agenda schützen oder befreien könnte. Es ist die Praxis von Twitter selbst, die sich von den meisten anderen Kommunikationspraxen unterscheidet. Twitter dürfte die Plattform sein, in der die Logik der sozialen Medien am deutlichsten sichtbar wird: Es sieht in der Kommunikation so aus, als setze man etwas in die Welt und bekomme darauf Antwort. Oder man antwortet selbst, und es sieht aus wie ein Zwiegespräch. Aber es sieht nur so aus, denn jegliche Form der Kommunikation auf Twitter lebt davon, dass es stets einen dritten Adressaten gibt, die Beobachterposition: Man sieht den anderen beim Zusehen zu. Man beobachtet Beobachtungen. Man nimmt wahr, wie Leute wahrgenommen werden wollen – ohne zu sagen, dass sie wahrgenommen werden wollen.
Auf Twitter etwas zu schreiben ist eine interessante Einübung in eine gewisse Form der mitlaufenden Selbstbeobachtung aus mehreren Perspektiven. Es ist eine Information, für wen etwas eine Information von wem ist. Und es ist ein Vergnügen, dabei zuzusehen, wie sehr mancher Tweet eine Unmittelbarkeit erzeugt, die sonst selten zu sehen ist. Man könnte das für besonders authentisch halten, aber man kommt nicht aus der Bredouille raus, das Inszenatorische des Authentischen mitzusehen.
Twitter ist also ein riskantes Medium, weil es Unmittelbarkeiten durch die Niedrigschwelligkeit des Zugangs sichtbar macht. In Beschimpfungen bricht sich, im Schutz der Anonymität, ein scheinbar »Allgemeines« Bahn, wie es durch das Medium erzeugt wird. Dass dies oft eine eindeutig geschlechtsspezifische Konnotation hat, ist nicht zu übersehen. Auch darauf reagiert Twitter twitterförmig: Indem man es thematisieren kann, wird es sichtbar. Aus der Beobachtung von Beobachtungen, beim Zuschauen des Zuschauens kann Unterstützung werden.
Genau besehen ist Twitter überflüssig und wenig produktiv, ein Zeitfresser und nicht zuletzt ein Ärgernis. Aber Dinge, die überflüssig sind, die Zeit fressen und sogar ärgern und trotzdem bleiben, scheinen etwas an sich zu haben. Auf Twitter stoße ich auf Dinge, die ich nicht gesucht habe. Ich hätte sie aber gesucht, hätte ich gewusst, dass es sie gibt. Das ist eins der produktivsten Urteile, die man über ein Ärgernis formulieren kann. Und es taugt als Parabel: Wer genau weiß, was er sucht, kann nicht finden, was er braucht. Man würde nur suchen, was man schon (prinzipiell) gefunden hat.
Nun hört sich das vielleicht wie eine Sonntagsrede auf Twitter an. Nein, dieser Text erscheint an einem Donnerstag – er ist Alltagsrede. Was für Bedingungen müssen also gegeben sein, damit man findet, was man nicht sucht? Es ist die auf Twitter auch technisch hergestellte Kombination von Ähnlichkeit und Unähnlichkeit. Man beeinflusst durch die eigene Praxis mit, was man zu Gesicht bekommt, und wird dann mit Erwartbarem und Unerwartbarem konfrontiert. Auch damit, dass Leute, die man dort kennt, nach anderen Erwartungsstrukturen handeln als im richtigen Leben. Auf und durch Twitter habe ich Personen kennengelernt, denen ich sonst nie begegnet wäre, auch weil sie ganz anderen Kontexten entstammen als ich selbst. Manchmal war es der Ton, der Aufmerksamkeit erzeugt hat und dann twitterförmige Resonanz.
Was hat all das mit der Aufregung zu tun, die durch Musks Twitter-Kauf entstanden ist? Interessanterweise sind auch diese Aufregung und die anfangs erwähnten Hoffnungen und Befürchtungen selbst auf Twitter twitterförmig bearbeitet worden. Ob ein Milliardär eine solche zentralisierte Macht über ein so potentes Medium haben sollte oder ob ein globales Forum irgendwann daran zerbricht, ist eine legitime Frage, die auch in der analogen Welt von Relevanz ist. Deswegen gratismutig Twitter zu verlassen löst dieses Problem nicht. Ich jedenfalls bleibe erst mal, denn in der Diskussion, ob man Twitter nun den Rücken kehren sollte oder nicht, hat Twitter sein Potenzial noch einmal voll ausgespielt.
Armin Nassehi ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Im Jahr 2019 erschien sein Buch »Theorie der digitalen Gesellschaft«