ZEITGEIST

Der China-Hype

Das Wachstum der Möchtegern-Weltmacht verfällt. Es war absehbar VON JOSEF JOFFE Foto: privat

Goldman Sachs veröffentlichte 2003 eine Studie, die weltweit einschlug: Dreaming With BRICs. Brasilien, Russland, Indien und China würden in einer halben Generation den Westen überflügeln – mit Peking an der Spitze. Gegen 2040 werde China die US-Wirtschaft hinter sich lassen. Nachahmer überboten sich gegenseitig: nein, schon 2020, ’18, ’15 ... Der China-Hype ward geboren.

Richtig: Chinas Wirtschaft wuchs zweistellig – bis zu 15 Prozent, derweil die amerikanische um die drei pendelte. Wer schneller rennt, überholt den Rivalen – logisch. Nur hatten wir diese Story schon einmal gehört. Auch die »Kleinen Drachen« (Japan, Südkorea, Taiwan) boomten einst zweistellig. Heute sieht nur noch Taiwan respektabel aus, mit drei Prozent. Die beiden anderen schaffen bloß 1,5.

Das ist kein Zufall. Die drei folgten dem gleichen Modell: Konsumverzicht, der die Investitionen trieb, eine künstlich unterbewertete Währung, die den Export befeuerte. Vom Land strömten die Bauern in die Städte und drückten die Löhne. Dito in China. Nun ist sein Wachstum auf 6,2 Prozent, den niedrigsten Wert seit 30 Jahren, abgestürzt. Das hat wenig mit Trumps Handelskrieg zu tun, sondern mit den natürlichen Grenzen des Modells.

Wer überinvestiert, gerät in die Falle des abnehmenden Grenzertrags; jeder neue Yuan schafft weniger Output und Jobs. Die Kapitalrendite hat sich folglich halbiert. Zugleich verschwindet nach der Landflucht die »industrielle Reservearmee«, was die Löhne hochschießen lässt. Eine Studie von Boston Consulting kalkulierte, dass die Fabriklöhne 2015 die amerikanischen erreicht hätten, wenn man die geringere Produktivität der Chinesen und die Kosten der Lieferkette einrechnet. Jobs wandern in die neuen Billigländer ab oder zurück in die USA. Schlimmer noch: 2050 wird China das älteste Industrieland der Welt sein, Amerika nach Indien das zweitjüngste. Alte produzieren nicht, sondern konsumieren und belasten die Sozialetats, was weniger für die Armee Chinas übrig lässt, das die USA aus dem Penthouse der Macht vertreiben will.

Längst hat der Bevölkerungsschwund Japans märchenhaftes Wachstum zusammengestaucht. In seiner Not lässt Nippon Gastarbeiter ins Land. China wird 2050 die größte Rentnerarmee auf Erden haben. Es wird alt sein, bevor es reich wird.

Sodann: Chinas Gesamtschuldenlast ist inzwischen dreimal so groß wie die Wirtschaftsleistung – ein gigantischer Wert. Die Staatsbanken lenken das meiste (verbilligte) Geld in den ineffizienten Staatssektor, der unter Xi Jinping wieder die tüchtigeren Privaten zurückdrängt. Da ein freier Kapitalmarkt fehlt, fließen Ersparnisse – die Hälfte aller Investitionen – in Immobilien. 65 Millionen leere Wohnungen produzieren nichts außer Schulden. Es formiert sich die größte Blase aller Zeiten.

Die Moral von der Geschicht? Autoritäre Regime (wie einst in Japan, Südkorea und Taiwan) können Wunder der Industrialisierung vollbringen. Doch dann flacht das Wachstum unweigerlich ab. Die Vergleichszahlen zeigen, dass es in China schneller bergab geht als bei den »Alten Drachen«. Die BRICs, denen Goldman Sachs 2003 die Weltherrschaft voraussagte, müssen noch üben. Russland wächst mit 1,5 Prozent, Brasilien mit einem. Nur Indien floriert. Doch sein BIP von 2,5 Billionen Dollar macht gerade mal ein Achtel des amerikanischen und ein Siebentel des BIPs der EU aus. Dreaming With BRICs hat sich tatsächlich als Traum entpuppt. Oder: Ökonomen sind Wahrsager mit Doktortitel.

Josef Joffe ist Mitglied des Herausgeberrats der ZEIT