Die Lügenfabrikanten
Kaum jemand kennt ihre Namen, doch sie prägen die politische Kultur der Vereinigten Staaten bis heute: Im Jahr 1933 gründeten Clem Whitaker und Leone Baxter eine Beraterfirma, die ihr Programm unverhüllt im Namen trug – Campaigns Incorporated. Whitaker hatte, bevor er eine Nachrichtenagentur aufbaute, als Journalist für den Medienmogul Randolph Hearst gearbeitet, der aus seiner Begeisterung für Hitler und Mussolini keinen Hehl machte. Leone Baxter, die in den Zwanzigerjahren ebenfalls journalistisch tätig war, wurde nach Jahren der Zusammenarbeit Whitakers Frau. Gemeinsam schufen sie, wie die US-Historikerin Jill Lepore schreibt, »das erste politische Beratungsunternehmen der Weltgeschichte«. Zunächst bediente es nur Kunden aus der Wirtschaft, doch schon bald spezialisierte es sich auf Wahlkampagnen. So wurde das Jahr 1934 zur Zeitenwende: Whitaker und Baxter leiteten einen grundstürzenden Wandel in der Art und Weise ein, wie in den USA Wahlkämpfe geführt, Themen platziert und politische Debatten ausgefochten werden.
Ihr erstes Opfer war ein sozialkritischer Schriftsteller und Intellektueller mit politischen Ambitionen: Upton Sinclair, der in Kalifornien für das Gouverneursamt kandidierte.
Der Hass auf alles Linke und Progressive, den die Anti-Sinclair-Kampagne verbreitete, kam nicht aus dem Nichts. Seit dem Ersten Weltkrieg machten rechte Kampfgruppen wie die American Legion gegen Gewerkschafter und unerwünschte Einwanderer mobil, der Ku-Klux-Klan stieg in den Zwanzigerjahren mit seiner Agitation gegen ethnische Minderheiten auch jenseits der Südstaaten zu einer Massenorganisation auf. Dann kollabierten 1929 die Börsen, die Weltwirtschaftskrise nahm ihren Lauf, und im ländlichen Amerika grassierten Armut und Verzweiflung.
In der Folge machten sich Wirtschaftsflüchtlinge aus der Kornkammer Amerikas in Massen auf den Weg ins Gelobte Land Kalifornien. In Oklahoma und den angrenzenden Regionen hatten sie ihre Böden durch Monokultur ausgelaugt. Als nun orkanartige Stürme die bröselige Ackerkrume wegbliesen, Banken die Kredite kündigten und Agrarindustrielle ihre Chance auf zwangsversteigertes Land witterten, standen sie vor dem Nichts. Was von der Arbeit von Generationen übrig blieb, packten sie auf klapprige, oft schrottreife Lastwagen und zogen zu Hunderttausenden gen Westen, gelockt von dem Versprechen dubioser Anwerber, sich als Obstpflücker oder Gemüsefarmer eine neue Existenz aufbauen zu können.
Die Realität sah anders aus. John Steinbeck hat sie in seinem Jahrhundertroman Früchte des Zorns beschrieben, der Folk-Barde Woody Guthrie besang sie in seinen Dust Bowl Ballads. Von wegen anständige Löhne, regelmäßige Mahlzeiten und ein Dach über dem Kopf: Die Migranten erwarteten in Kalifornien Ausbeutung und Willkür, dazu Unternehmer, die weder Gewerkschaften noch Streiks duldeten, Arbeiter wie Freiwild behandelten und Aufmüpfige von der Polizei und gedungenen Schlägern in die Unterwürfigkeit prügeln ließen. Während die grassierende Wirtschaftskrise in anderen Staaten durch staatliche Eingriffe abgefedert wurde, regierte in Kalifornien ein ungezügelter Raubtierkapitalismus. »Einen Streik zu brechen und eine Gewerkschaft zu zerschlagen«, hieß es in einem dem US-Senat vorgelegten Bericht, »gilt als patriotischer Kreuzzug für Heimat, Land, Eigentum und Kirche.«
Auftritt Upton Sinclair.
1906 hatte der Schriftsteller in seinem Roman The Jungle die zum Himmel stinkenden Zustände in den Schlachthöfen Chicagos geschildert und den Anstoß zu einem landesweiten Hygienegesetz gegeben. Seither galt Sinclair als Chronist amerikanischer Klassenkämpfe. Er schrieb über die Arbeit in den Bergwerken des Mittleren Westens, setzte Lohnsklaven ein literarisches Denkmal; von den Superpatrioten des Ersten Weltkriegs, die Amerika schon damals wieder groß machen wollten, zeichnete er in 100 %: The Story of a Patriot ein unerreichtes Sittenbild. Empört über den Umgang mit Wander- und Erntearbeitern in seiner Wahlheimat Kalifornien, mischte er sich schließlich in die Tagespolitik ein, unterstützte streikende Arbeiter, hielt Reden auf öffentlichen Plätzen und gründete die erste Zweigstelle der bis heute aktiven Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union.
Das Gouverneursamt hatte er schon 1926 und 1930 angestrebt, auf dem Wahlticket der Sozialistischen Partei aber nicht einmal Achtungserfolge erzielt. 1934 nun trat er als Kandidat der Demokraten an – ein naheliegender Wechsel für ihn, der von Präsident Franklin D. Roosevelts Reformen viel und vom Dogmatismus mancher Sozialisten gar nichts hielt.
Sein Wahlmanifest End Poverty in California, kurz Epic, versprach eine ökonomische Radikalkur für einen Bundesstaat mit an die 30 Prozent Arbeitslosigkeit und die Bändigung sozialpolitisch unverantwortlicher Unternehmer. Brachliegendes Ackerland und leer stehende Fabriken wollte Sinclair vom Staat aufkaufen lassen und ein Netzwerk von Kooperativen zum Tausch landwirtschaftlicher Erzeugnisse gegen Industrieprodukte gründen. Die anfallenden Kosten sollten durch eine progressive Besteuerung von Spitzeneinkommen und hochwertigen Immobilien gedeckt werden. Auf diese Weise würde ein duales System entstehen mit einem großen privatwirtschaftlichen und einem deutlich kleineren teils staatlich gelenkten, teils selbstverwalteten Sektor, um die Webfehler einer nur auf Profitmaximierung ausgerichteten Wirtschaft zu korrigieren. Mit Enteignung und Sozialismus hatte diese Vision nichts zu tun. Genau das aber unterstellten ihm all jene, die ein Nachdenken über Gemeinwohl und den Schutz der Schwachen für einen Anschlag auf Gott und Vaterland hielten.
Der Zuspruch für Sinclair war enorm und die Unruhe seiner Gegner groß, sah es doch für geraume Zeit so aus, als könne er sich durchsetzen.
An dieser Stelle kommt die von Upton Sinclair zu Recht so genannte »Lügenfabrik« aus politischen Spindoktoren und Medienunternehmern ins Spiel, mit Campaigns Incorporated als Flaggschiff. Nach den Regeln eines Kulturkrieges von unten und eines Klassenkampfes von oben begann die Firma, Upton Sinclair zu attackieren, finanziert von Wirtschaftsverbänden wie dem Agricultural Council of California und verschiedenen anderen Organisationen. Wie das vonstattenging, ist in einer Reportage aus seiner eigenen Feder nachzulesen: How I Got Licked – »Wie ich fertiggemacht wurde«.
Der Ansatz war so simpel wie radikal: Campaigns Inc. flutete den öffentlichen Raum so lange mit moralischen Themen rund um Familie, Religion und Patriotismus, bis alles andere überlagert und der Streit um wirtschaftliche Macht, Klasseninteressen und Ausbeutung verstummt war. Die Grundregel lautete, ein und dieselbe Botschaft immerfort zu wiederholen; sie sollte so einfach wie möglich sein und mit einem argumentativen Minimum auskommen. Der Appell an Instinkte, das Schüren von Empörung, von Angst und Hass bildete das Grundmuster solcher hit campaigns – hit wie »zuschlagen«. Entscheidend waren Aggressivität und Lautstärke. Es ging darum, emotional zu überwältigen, statt intellektuell zu überzeugen. Und wo nichts Negatives aufzufinden war, erfand man es eben.
Der Feldzug gegen Upton Sinclair war eine Probe aufs Exempel in drei Akten.
Erster Akt: Man übernehme einen Verein und stelle ihn als Initiative besorgter Bürger dar. So machte es Campaigns Inc. mit der von reichen Unternehmern ins Leben gerufenen California League Against Sinclairism. Angeblich eine Graswurzelbewegung zur Rettung Kaliforniens, brachte dieses Kunstprodukt Millionen von Broschüren und Flugblättern in Umlauf und schickte Aktivisten von Haus zu Haus, ausgestattet mit alarmierenden Nachrichten über einen bevorstehenden Generalangriff auf Ehe, Familie, Religion und alles andere, was rechtschaffenen Amerikanern heilig war.
Zweiter Akt: Man richte eine Fälscherwerkstatt ein zur Produktion von Beweisen. Was in diesem Fall bedeutete, Dialogfetzen von Sinclairs fiktiven Romanfiguren als Überzeugung des Autors auszugeben – ein Trick, den nur literarisch versierte Bürger durchschauen konnten. Ebenso gut, sagte Sinclair, hätte man Lady Macbeth zitieren können, um William Shakespeare Anstiftung zum Mord zu unterstellen.
Dritter Akt: Man engagiere mediale Lautsprecher. Dagegen war erst recht kein Ankommen. Die Los Angeles Times, seit je ein rechtes Krawallblatt, stellte die Sinclair in den Mund gelegten Zitate in einem schwarz umrandeten Kasten auf ihre Titelseite – Tag für Tag, drei Monate lang. Fast alle anderen Zeitungen in Kalifornien übernahmen die Vorlage und entfachten ein Trommelfeuer aus Fake-News: Sinclair, der Verächter von Christus, der Denunziant von Kriegsveteranen, der Prediger von freier Liebe und zügellosem Sex. Und als wäre das nicht genug, produzierte das Hollywood-Studio Metro-Goldwyn-Mayer mehrere Staffeln sogenannter Newsreels, in denen Schauspieler empörte Bürger mimten und Sinclair die Pest an den Hals wünschten.
Natürlich seien die gegen Sinclair verwendeten Aussagen aus seinen Büchern »irrelevant« gewesen, räumte Leone Baxter von Campaigns Inc. später freimütig ein. »Aber wir hatten ein Ziel: zu verhindern, dass er Gouverneur wird.«
Dieses Ziel wurde erreicht. Sinclair unterlag dem Amtsinhaber Frank Merriam von den Republikanern mit 880.000 zu 1,14 Millionen Stimmen. Man kann nur spekulieren, ob die Wahl auch ohne Hetzpropaganda so ausgegangen wäre. Die Pointe ist eine andere: Die Kampagne gegen Sinclair hat das planmäßige Lügen zum Prinzip erhoben.
Es war der Anfang einer politischen Welt, in der Fakten ignoriert und Gerüchte, Erfindungen und Fälschungen zu Fakten erklärt werden – bis hin zu der Unterstellung, dass der »Bolschewist« Sinclair die Wahlen fälschen wolle. Felix Frankfurter, später Richter am Obersten Gerichtshof, sprach von »professionellen Vergiftern des öffentlichen Denkens«, Upton Sinclair nannte es schlicht »Krieg«.
Der erste Bundespolitiker, der im Modus dieses Krieges über Land zog, war Huey Long, Gouverneur Louisianas und später Vertreter seines Heimatstaates im Senat. Long war Demokrat und hatte 1932 noch Franklin D. Roosevelt und dessen New Deal unterstützt, bevor er drei Jahre später mit radikaleren Konzepten für sich selbst als unabhängigen Präsidentschaftskandidaten warb. In Louisiana inszenierte er sich während der Great Depression als eine Art Wunderheiler, der es von den Reichen nahm und den Armen gab. Letztlich aber bat er Großkonzerne und Kartelle nur moderat zur Kasse und plünderte stattdessen die Staatskasse – nicht selten für nutzlose Protzprojekte.
Seinen Anhängern vermittelte Long, sie dürften sich an seiner Seite alles herausnehmen; im Umgang mit Gegnern gebe es keine Regeln außer jenen, die er selbst aufgestellt hatte. Als »Diebe, Ungeziefer und Läuse« bezeichnete Long alle, die ihm lästig waren, er versprühte Hass und Wut und log in einem fort. Huey Long genoss es, als Mann ohne jeden Anstand zu gelten, als Unangreifbarer mit dem Image des Alleskönners, erfolgreich, weil skrupellos, als jemand, der nach Belieben mit den dunklen Seiten der menschlichen Seele spielen kann und dabei als Lichtgestalt erscheint – oft mit rosa Krawatte in weißen Seidenanzügen, immer als Genießer teuersten Whiskeys und Liebhaber aufreizender Frauen. So erschuf er eine neue Grammatik des Politischen: Empörung war für ihn nicht ein politisches Mittel unter vielen, sondern alle Politik wurde auf Empörung und Tumult getrimmt. Dialog? Streit um bessere Argumente? Ringen um gemeinsame Lösungen? Nichts von alledem zählte. Die Raserei so lange zu schüren, bis möglichst viele rasend waren, darauf kam es an. Politische Programme waren nach dieser Logik nicht an ihrer Plausibilität und Machbarkeit zu messen, sondern an ihrer Wirksamkeit als Aufputschmittel.
Als Systemsprenger bezeichnet zu werden, hätte in Huey Longs Ohren wie eine Auszeichnung geklungen. Er hebelte die politischen Institutionen Louisianas derart aus, dass von Gewaltenteilung faktisch keine Rede mehr sein konnte – so gefügig war das Parlament, so eingeschüchtert die Justiz und so willfährig die Bürokratie. Und nicht genug damit, dass er nahezu alle Stellen, entlegene Gemeinden inklusive, mit Gefolgsleuten besetzte, er bestimmte auch noch einen Strohmann zu seinem Nachfolger. Kein Bundesstaat, darin waren sich bereits viele Zeitgenossen einig, hatte sich je auf eine solch abschüssige Bahn in Richtung Diktatur begeben. Von einem Kritiker auf sein putschistisches Verhalten angesprochen, bemühte sich Long erst gar nicht um ein Dementi: »Jetzt bin ich die Verfassung hier.«
Unter den Beratern des amtierenden Präsidenten Franklin D. Roosevelt machte sich Nervosität breit, schien es doch nicht ausgeschlossen, dass Long bei der 1936 anstehenden Wahl bis zu vier Millionen Stimmen gewinnen und den Vorsprung des Präsidenten gegenüber dem Republikaner Alf Landon einschmelzen könnte. Dazu kam es nicht: Huey Long wurde im September 1935 vom Schwiegersohn eines politischen Rivalen erschossen.
Was blieb, waren die Lügenfabrikanten mit Campaigns Inc. an der Spitze. Bis Whitaker und Baxter das Unternehmen 1958 verkauften, orchestrierte es mehr als einhundert PR-Kampagnen von Politikern, Parteien und Konzernen. Bald wurde sein Geschäftsmodell von anderen Anbietern kopiert und schließlich von Strategen der Republikaner übernommen, die seit den Neunzigerjahren zusehends Gefallen an dem Credo fanden »Um politisch erfolgreich zu sein, muss man wissen, wer wen hasst«.
Mehr als 90 Jahre nach der Gründung der Firma steht die Saat, die sie ausgebracht hat, in voller Blüte, an der Spitze der mafiöse CEO der Republikanischen Partei. Die Wirtschaftsflüchtlinge von heute werden unterdessen, anders als in den Dreißigerjahren, nicht nur von Unternehmern ausgebeutet, sondern auch von Häschern im Staatsdienst terrorisiert. Nur an einer Stelle hakt die Analogie: Es fehlt ein neuer Upton Sinclair, der den Geprügelten eine kraftvolle Stimme gibt.
Bernd Greiner lehrte Außereuropäische Geschichte an der Universität Hamburg. Zuletzt erschien sein Buch »Weißglut. Die inneren Kriege der USA – Eine Geschichte von 1900 bis heute« (C. H. Beck; 464 S., 32,– €)