Von wegen Öl
Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat ein einzelner Mensch so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie Donald Trump. Selbst seine Vorgänger im mächtigsten Amt der Welt waren weder fähig noch willens, Tag für Tag Milliarden Menschen in ihren Bann zu ziehen. Selbstverständlich könnte Trump das nicht ohne sein Amt. Aber vielleicht verdankt sich diese gigantische Aufmerksamkeit weniger seiner Macht als umgekehrt: Seine Macht nährt sich aus der gigantischen Aufmerksamkeit.
Das konventionelle geopolitische Denken konstatiert dieser Tage, Trump habe mit seinem venezolanischen Völkerrechtsbruch die amerikanische Soft Power endgültig dahingegeben, Werte, Ideale, Regeln, all das. Doch verfügt Trump durchaus über gewaltige Soft Power, sie ist nur von anderer Art. Er pflegt keine Bündnisse, aber er verstrickt die Welt, Gegner wie Anhänger, in seine Aktionen, in sein Denken, in sein Menschenbild, in seinen Tagesablauf. Und er nutzt die historisch einmalige Aufmerksamkeit, um jedem seine These vom Leben einzubimsen, dass nämlich alle Menschen so sind wie er, gierig, egoistisch, rücksichtslos, ablenkbar. Von hier aus teilt sich die Gesellschaft für ihn in jene, die das auch zugeben, das sind die Guten – und in jene, die das leugnen, das sind die Gefährlichen.
Das Völkerrecht wurde gebrochen, um das Völkerrecht zu brechen. Weil es funzt
Trump nutzt dabei nicht etwa, wie er vorgibt, ruchlose Mittel, um seine oder amerikanische Interessen durchzusetzen, vielmehr ist die Ruchlosigkeit selbst das Ziel.
Venezuela zeigt dies. Erst ging es um Drogen, dann um Demokratie, am Ende aber, so behauptete es jedenfalls Trump: um Öl. Und alle seine Kritiker schreien erleichtert auf: Ha, haben wir es doch gleich gewusst! Dabei wundern sie sich gar nicht, dass das, was sie diesem Mann vorwerfen, exakt das ist, was er ihnen selbst hinwirft. Wir sollten uns darüber jedoch ganz ausgiebig wundern und fragen, ob Trumps protziges Öl-Motiv überhaupt stimmt.
Um Venezuelas Ölindustrie wieder aufzubauen, braucht es nach Einschätzung der Experten etwa zehn Jahre und 60 Milliarden Dollar Investitionen. Es gibt jedoch absehbar genug Öl auf dem Weltmarkt, und der Preis ist niedrig. Die US-Konzerne werden in Venezuela allenfalls investieren, weil das eine lohnende Investition in Trump ist. Das Völkerrecht wurde also nicht für Öl-Interessen gebrochen, sondern um das Völkerrecht zu brechen. Weil es funzt.
Ähnlich bei Grönland. Das durch den Klimawandel sich verstärkende strategische Interesse an der Arktis ließe sich leicht auch durch die Nato wahren. Die Bodenschätze wiederum sind dort wegen fehlender Infrastruktur und extremer Temperaturen nur unter horrenden Kosten abbaubar. Es ist alles ein Gier-Spiel um die letzte große, aber in weiten Teilen eben nur eingebildete Bonanza der Welt. Dass der amerikanische Präsident die Souveränität Dänemarks infrage stellt, hat keinen materiellen Sinn, vielmehr ist es Teil seines Aufmerksamkeitsautoritarismus, es provoziert die Angst der Europäer.
Eine besonders sinnlose Übung im Umgang mit Trump besteht im immer wieder neu erbrachten Nachweis, wie ruchlos er ist. Nur kann man nicht etwas entlarven, das jemand selbst zum Programm erhoben hat. Diese Larve ist schon ein Schmetterling. Deswegen läuft auch die Interpretation, Trump habe den Venezuela-Coup angezettelt, um von den Epstein-Files abzulenken, ins Leere. Seit seinem zweiten Amtsantritt vergehen keine drei Tage, meistens nicht mal drei Wachstunden, in denen Trump sein Unterhaltungsprogramm nicht weitertreibt. Ablenkung von der Ablenkung von der Ablenkung. Vieles, wenn nicht alles, was dieser Mann tut, erklärt sich schlicht dadurch, dass er immerzu irgendwas machen, sagen oder anzetteln muss.
Kanada, Kuba, Panama, Kolumbien, Mexiko, Grönland. – Zölle, East Wing, Kennedy Center. – Beleidigen, bedrohen, ankumpeln. – Jetzt ’ne Bombe, wohin? – Oder zum vierten Mal das Ukraine-Spiel: Absprache mit Putin, Europäer antanzen lassen, Krieg geht weiter, langsam wird es langweilig.
Schon klar, man kann jemanden, der über so viel reale Macht verfügt, nicht allein durch Aufmerksamkeitsentzug bekämpfen, auch wir als Medien können das nicht. Doch sollte man sich beim Empören ebenso wie beim Anschleimen darüber klar sein, dass beides ihn stärkt. Ab und zu wegschauen, auslachen gar, das konterkariert seine täglichen misanthropischen Übungen. Und vor allem sollte man vermeiden, seine Als-ob-Politik jederzeit als Oha-Politik zu ratifizieren.